
Auf der Kampfmatte in einem Dojo vermutet man sie eher nicht. Diese quirlige, herzliche 65-Jährige hebelt als Hobby Kerle aufs Kreuz? Marina de Greef trainiert seit drei Jahren Aikidō. Der Sport aus Nippon wirkt für Laien ungefähr so: Ein Hauch von Zen und riesige schwarze Röcke, in denen Leute mit ernster Miene elegant über den Boden kullern, wenn sie nicht mit hölzernen Samurai-Schwertern aufeinander losgehen.
Der Weg der Kriegerin? „Der Weg der Harmonie der Kräfte“, korrigiert sie. Bei Aikidō sei alles weich und defensiv. „Die Wucht eines Angriffs fangen wir nicht durch Abblocken und Widerstand auf, sondern durch Zurückführen auf ihren Ursprung, den Angreifenden.“ Wo die Attacke hinzielt, nimmt man an und gibt nach. Die eigene Energie fließt in die freie, bessere Stellung. „Die Situation annehmen, sich nicht verkämpfen“ sei die Philosophie. „Hilft auch im Alltag.“ Auch im Ministerium? Sie lächelt. „Auch hier.“
Der Lockruf des Neuen
Regieren und Verwalten hat sie von der Pike auf gelernt. Geboren in Karlsruhe, bei Oldenburg aufgewachsen, absolvierte sie in Hildesheim das duale FH-Studium zur Diplom-Verwaltungswirtin. Die gehobene Laufbahn führte sie zuerst zu den Pensionskassenwarten ins Landesverwaltungsamt, heute NLBV. Dann bürgerte sie bei der Bezirksregierung Hannover Migranten und Migrantinnen ein und kümmerte sich um die Städtebausanierung.
Sie war erst 27 Jahre alt, als sich am Telefon das Kultusministerium meldete. Sie kam, blieb und erlebte zehn Minister und Ministerinnen. Fast vier Jahrzehnte lang rotierte sie durchs MK-Organigramm. Sie lochte ihr Ticket bei Haushalt, Personal, Aus- und Fortbildung. Sie half die Verlässliche und Musikalische Grundschule einzuführen, koordinierte Förderschulen und die ersten inklusiven Modelle, gestaltete Migranetz, Gesundheit/Prävention und Bildung für nachhaltige Entwicklung mit.
Sie folgte der Neugier und dem Lockruf neuer Gestaltungschancen. „Nach fünf bis sieben Jahren, wenn die Routine kam, habe ich immer gewechselt.“ So lernte sie viele Themen und Leute kennen – und empfahl sich als Personalrätin. Schließlich wurde sie die erste Frau im Vorsitz.

Weit über Verkehrserziehung hinaus
Seit 2018 ist Mobilität ihr Beritt im Referat 23. Kooperation ist hier ganz groß: von Polizei und Verkehrswacht bis zum Fahrradclub, von der VW-Autostadt bis zu Klimainitiativen und Universitäten. Fünf RLSB-Fachberaterinnen und Fachberater arbeiten eng mit ihr im „Mobi-Team“ zusammen, wofür sie sehr dankbar ist. Als im März 2022 das Themenportal Mobilität entstand, trat sie gern in die Online-Redaktion ein.
Mobilität ist längst viel mehr als Verkehrserziehung. Die gehört zwar fest dazu. Kinder sollen noch immer Schilder und Regeln lernen, sich sicher fortbewegen und im Raum orientieren. Gesund, nachhaltig, verantwortungsvoll und zukunftsfähig sollen sie aber auch mobil werden. So spreizt das Themenportal das „Curriculum Mobilität“ auf, und es geht um komplexe Dinge wie Klimagerechtigkeit, Wirtschaftsmodelle für Morgen oder Künstliche Intelligenz.
De Greef ist selbst stets in Bewegung. Sie ist ein Mensch der Sinne und steht dazu. Sie malt, tanzt, singt, segelt, wandert, meditiert. Eine ihrer Kraftquellen ist der Wald. Sie wohnt am Fuß des Deisters in Wennigsen. Sie liebt die Kleinstadt und verspürte doch immer Fernweh. Sie trug ihren Rucksack über fünf Kontinente und lernte die Stille der Wüste lieben. Geistig Horizonte für sich und andere zu erweitern, ist ihr ebenso ein Bedürfnis. Auch nebenberuflich: Sie ist Yoga-Lehrerin und qualifizierte Coachin.
Jazz, Mobilitätskekse und Kartensprüche
„Wir sollten öfters einen Mutausbruch haben“, künden Stempellettern an ihrer Bürotür. De Greef hat eine Schwäche für auf Karten gedruckte Sentenzen. Ihr Schreibtisch birgt davon einige.
„Probleme, die du ignorierst, verschwinden nur, um Verstärkung zu holen“, liest man. In einer Drahtblume am Monitor steckt eine apricotfarbene Holzschliffpappe mit dem runden braunen Gesicht der grandiosen Ella Fitzgerald. „Gib niemals auf für das zu kämpfen, was du tun willst. Wenn du Leidenschaft und Inspiration mitbringst, kannst du nicht falsch liegen“, mahnt die Grande Dame des Jazzgesangs.
Für satten Groove reist de Greef weit. Davon zeugt das Jazzfestivalposter aus Montreux, unter dem jeder Bürogast Platz nimmt (neben der Kiste mit den „Mobilitätskeksen“). Auch im Jazzclub Hannover sieht man sie die Füße wippen. Jazzmusik lässt Freiheit fürs Improvisieren und individuellen Ausdruck der Musiker. Das passt ganz gut zu ihr. Denn Arrangieren liegt ihr mehr als das Dekretieren.
De Greef ist die Sorte Ministerialbeamtin, für die das Regierungsgeschäft weniger aus dem Stakkato der Runderlasse besteht als aus Anstubsen und Ideenhandel, Verhandeln und Vernetzen. Also Kommunikation. Darum ist ihr die Redaktionsarbeit im Bildungsportal so wichtig.
Erfolge feiern und Mitmachen anbieten
Sie kennt ihr Web-Publikum. „Ich versuche, von der Lehrkraft aus zu denken. Die meisten suchten etwas. Die Suche muss schnell, einfach und praktisch sein, zum Beispiel nach Schulformen“. Für die meisten sei das Bildungsportal ein Arbeitsinstrument. „Sie flanieren nicht.“
Trotzdem ist sie ist sicher, dass es noch anderen Bedarf gibt. „Manchmal brauchen Lehrkräfte keine schnelle Auskunft oder Unterrichtsvorlage. Sie wollen kreativ sein oder sind neugierig auf Zukunftsthemen.“ Sie fände einen Innovationsbereich gut – eine Art Think Tank oder Ideenwerkstatt, wo Redaktionen Impulse wagen und nicht in Bedenken und Rückversicherung erstarren. „Das hat natürlich mit Haltung zu tun.“

Für ihr eigenes Spielfeld fahndet sie stetig nach Innovation und Verbindendem in digitalen Lern- und Projektformaten und modelliert mit ihrem „Mobi-Team“ Mitmachangebote, etwa das Online-Voting (16.000 Teilnehmer) beim Nachhaltigkeitspreis Zukunftscamp „Projekt Erde“, ein Online-Symposium „Anders wirtschaften“ oder die Fahrrad-Initiative „Bike to School“.
Das Bildungsportal, rät sie, sollte „mehr Erfolge feiern und Wertschätzung zeigen für gelungene Projekte und die Menschen dahinter“. Zudem sollte es mehr Feedback und Partizipation erlauben. „Es sollte interaktiver werden. Vielleicht auch spielerischer.“ Nicht nur, aber auch mit einem Campus für Schüler und Schülerinnen, findet sie.
Ein wenig mehr Social Web also. De Greef kennt sich aus. Flott wechselt sie durch ihre Apps, Podcasts und Messenger-Dienste. Doch sie ist vorsichtig geworden. Weil sie die Tech-Konzerne auch politisch kritisch sieht und soziale Medien mit ihren Kurznachrichten zu Missverständnissen führen können. Es betrübt sie, wenn im Bekanntenkreis über banale Posts Freundschaften zerbrechen. „Manche Sachen mache ich darüber gar nicht mehr.“ Mehr denn je schwört sie aufs gute alte Telefonieren und persönliche Treffen.
Zudem verordnet sie sich von Zeit zu Zeit radikales „Medien-Fasten“ als Selbstschutzmethode. „Medien können nützlich, jedoch auch verführerisch und riskant sein“, hat sie für sich erkannt. „Sie haben Suchtpotenzial wie Kartoffelchips.“
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