Eine Didacta, 2000 Events: Was steckte drin?

Die Didacta 2026 in Köln zählte 2000 Veranstaltungen. So viele wie noch nie.
Format, Dauer und Inhalt waren extrem variabel – so sehr, dass die Definition von „Veranstaltung“ arg überdehnt war.
Wir nehmen Maß: Was für Events enthielt der Veranstaltungskalender? Was davon ist wirklich Fortbildung?
Fließender Übergang von Information zur Werbung: Kommerz und Einflussnahme sind das Normale bei einer Messe. Wie geht die BiP-Redaktion damit bei der Hannover-Didacta 2027 um?

Für gut 400 Euro pro 30-Minuten-Zeitfenster konnten Veranstalter die „Speaker’s Area“ mit rund 60 Sitzplätzen zwischen den Hallen buchen
Messe-Buzzword Mentale Gesundheit: Psychologische Themen zogen besonders große Menschentrauben an

Über 2000 Veranstaltungen markieren neuen Rekord“, jubelte die Pressemitteilung zur Schlussbilanz der Didacta 2026 in Köln. An den Ständen und in den Sälen hatten frühere Messen meist 1500 bis 1800 gezählt.

Die Rekordverkündung darf man cum grano salis genießen. Format, Dauer und Inhalt waren nämlich extrem variabel – so sehr, dass die Definition von „Veranstaltung“ überdehnt wird.

Was steckt drin?

Kletts Strandbar-Kulisse mit Neonlicht und Topfpalmen

Dass 75.000 Messegäste durch die Kölner Drehkreuze schritten, hat viel mit dem Versprechen einer enormen Dichte der Information und Wissensvermittlung zu tun.

Der Messebesuch als Fortbildung – das wird in vielen Bundesländern anerkannt. Lehr- und Fachkräfte melden Messetage als Fortbildungszeit an, lassen sich vom Dienst freistellen und sammeln an Messeständen Teilnahmescheine für die Personalakte.

▶ Grund genug für einen Blick auf die Daten des Veranstaltungskalenders – und auf die Formate, in denen die Fortbildung daherkommt.

Wie sich die Veranstaltungen verteilten

Der offizielle Veranstaltungskalender in Web und App erlaubt die digitale Auswertung. Dabei entsteht ein ungefähres Bild. Die Datenbank gibt allerdings nur das wieder, was Aussteller und Veranstalter selbst einpflegen. Mit ungenauen Daten, Mehrfachmeldungen, unklaren oder fehlenden Rubriken ist zu rechnen.

Am Event-Kalender hatten Frühe und Berufliche Bildung nur kleine Anteile

Anteile der Bildungsbereiche: Frühe und berufliche Bildung spielten quantitativ nur eine Nebenrolle. Veranstaltungen, die der Kategorie schulische und außerschulische Bildung zugeordnet wurden, waren weitaus zahlreicher. Bei fast der Hälfte der Events fehlte die eindeutige Zuordnung zu einem Bildungsbereich.

Die Veranstalter der meisten Events vermieden klare Rubriken in der Datenbank

Veranstaltungsarten: Unsortiert blieb auch hier die Mehrheit der Events. Der Rest verteilte sich vor allem auf 24% Vorträge, 10% Workshops und 6% (Panel-) Diskussionen.

Die Verteilung der Themen wurde nicht erfasst, aber augenfällig ist:

  • Relativ wenige Veranstaltungen widmeten sich Basisfragen der Pädagogik, Erziehung und Bildungspolitik. Es gab sie, oft auch gut besucht. Aber:
  • Die Masse der Veranstaltungen hatte einen Fokus auf ein Produkt, eine Technik oder Dienstleistung. Daran zeigt sich der Charakter der Didacta als Verkaufsschau.

Lehrkräfte und Bildungsmanager wollen solches Wissen, denn es verspricht Nutzen in der Praxis. Wie in anderen Professionen ist Fortbildung auch an Technik und Material orientiert – ob es um Schulbücher oder Lernbaukästen geht, Geräte, Möbel oder Organisationshilfen, neue Software-Tools und KI-Anwendungen.

Freilich ist die Grenze zwischen Fortbildung und getarntem Verkaufsgespräch schnell überschritten. Etwa, wenn ein Workshop nur zeigt, wie man ein Produkt bedient. Die Firmen wissen genau, dass die Leute im Publikum, wenn sie nicht selbst Einkäufer sind, im Beschaffungswesen mitberaten oder mitentscheiden haben.

Ein Qualitätsmerkmal ist: Es sollte fachliche, pädagogische oder didaktische Impulse geben, mit denen man sich intensiv und konzentriert auseinandersetzt. Vom spielerischen Ausprobieren abgesehen, ist die Messe als Lernumgebung zu trubelig. Die Zeit ist kurz, die Ablenkung gleich nebenan. Rückzugsräume waren die Ausnahme. Das Ausharren an einem Ort oder Thema ebenso. Es gab daher eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Fortbildung „unter Festivalbedingungen“

Diesen Nachteilen etwas anderes gegenüber: das Erlebnis. Das Gefühl, außergewöhnliche Dinge zu sehen oder zu tun oder außergewöhnliche Personen live zu erleben.

Die Publikumsmagneten sind die Auftritte von Prominenten wie „Netzlehrer“ Bob Blume, der sich von mehreren Veranstaltern anheuern ließ. Wenn Blume redet, hocken seine Fans auf dem Fußboden und recken in der letzten Stehreihe Hals und Handy in die Höhe.

Promi-Influencer Bob Blume auf der Kölner Didacta: „Zunehmend erschöpft“

Er ist ein Star, der Zulauf garantiert. Aber Blume ist auch ein Didacta-Veteran mit differenziertem Blick. Nach der Messe gab er seine persönliche Reflexion ab.

Laut und voll“ war’s, bemerkte Blume auf LinkedIn. Als er live eine Folge seines Podcasts Die Schule brennt mit einer ADHS-Expertin aufnehmen wollte, redeten sie gegen ringsum dröhnende Musik, Filmeinspieler und Event-Geräusche an. Man schöpfe „Erkenntnisgewinn unter Festivalbedingungen. Muss man wohl mit leben.“

Die unzähligen Diskussionsrunden? Oft sehr gut, aber: „Panel-Formate wirken zunehmend erschöpft. Fünf Menschen hintereinander mit ihren Perspektiven – und am Ende bleibt oft weniger hängen als gehofft. Vielleicht liegt es daran, dass echte Reibung und echtes Gespräch zu kurz kommen“. Nur selten, so Blume, nähmen Beteiligte Bezug aufeinander. Nur selten werde das Publikum einbezogen.

Die tiefsten Gespräche passieren nach den Panels. Beim Bier. Beim Wein.“ Im kleinsten Kreis, wenn plötzlich über Dinge gesprochen werde, die öffentlich nicht gesagt würden.

Zufalls-Konsum am Event-Buffet

Alle Bühnen wurden von Technik-Teams betreut, die die unverzichtbare Ton- und Lichtregie besorgten

Im Podcast ergänzte Blume, er finde es „total schwierig, sich zu orientieren“. Inzwischen würden selbst hochwertige Podiumsdiskussionen oft nur „zufällig konsumiert“ werden. Denn das Übermaß im Kalender erschwere das Planen.

Gemeint ist: Die Leute flanieren das Event-Buffet auf und ab, legen sich nicht fest, hören hier und dort hinein – statt sich für eine Veranstaltung geplant Zeit zu nehmen.

Große, kleine und Phantom-Events

Die großen Adressen des Rahmenprogramms waren die zentralen Arenen in jeder Halle und die Speaker’s Area dazwischen. Um sie zu mieten, musste man tief in die Tasche greifen. Fast genauso groß waren eine Handvoll standeigener Bühnen. Profiteams sorgten fürs Stage Management nebst Licht- und Tonregie.

Manche Anbieter inszenierten ihre Stände als Wohnzimmer

Denn besten Events sah man an, dass vor und bei der Messe intensiv getrommelt worden war: Zulauf war in der Regel kein Zufall. Kein Zulauf aber auch. Es gab auf den Bühnen Phasen, das Programm vor einer peinlich kleinen Anzahl Gäste abgespult wurde.

Hallen-Flair mit einem Hauch Tristesse: Ruhige Kleinveranstaltung am Rand im nüchternen Ambiente

Der größte Teil der 2000 Veranstaltungen kam aber nicht auf eine dieser großen Bühnen und auch nicht in die (etwas versteckt liegenden) Säle des Konferenztrakts.

  • Viele zeigten sich als Kurzpräsentation an einer Messestandecke vor ein paar Sitzwürfeln – nicht immer gab es Mikrofon und Lautsprecher. Oder feste Plätze fürs Publikum. Das musste eben im Gang stehen; Passanten liefen Slalom.
  • Außerhalb der großen Bühnen war die Veranstaltungsdauer variabel. Was offiziell mit 30 Minuten gemeldet war, konnte nach 12 Minuten vorbei sein.
  • Je nach Umgebungstrubel und Nachbarlärm kämpften Redner wie Marktschreier um jede Seele – oder versuchten murmelnd die Fliehkräfte zu ignorieren.
  • Das Laufpublikum blieb oft in der Überzahl – und es heißt so, weil es sich selten hinsetzt, sondern nach kurzem Gucken weiterläuft.

Bisweilen entpuppte sich die „Veranstaltung“ als gar keine, sondern als informelles Gesprächs-, Vorführ- oder Probier-Angebot. Die „Veranstaltung“ fand statt, wenn jemand vorbeikam und danach verlangte. Das war besonders bei den vielen kleinen Ständen so.

Die Taktik ist simpel: Wer einen Termin anmeldet, wird in Web und App im Tageskalender sichtbar, nicht nur in der Ausstellerliste.

Fazit: In den offiziell 2000 Veranstaltungen steckten wohl Hunderte, die sich vom normalen Standgeschehen nicht abhoben – und die Definition einer „Veranstaltung“ sehr dehnten.

Fließender Übergang zur Werbung

Event-Werbung auf allen Kanälen: Große Veranstalter vermarkteten ihre prominenten Gäste intensiv – wie hier auf Kletts Instagram-Kanal mit dem Hashtag #excitingedu

Es gehört zur unverzichtbaren Werbebotschaft dieser Messe: Die Didacta ist das größte Forum für Bildungsdiskurse und für die Pädagogik die größte Fortbildungsstätte. Allerdings:

  • Übergänge von Informationsvermittlung zur Werbung sind fließend. Bildungsdiskurs und Fortbildung sind PR-Vehikel, um Sichtbarkeit für Marken und Produkte zu erlangen. Wer die Augen aufhält, sieht den verkaufsorientierten Charakter überall.
  • Das Rahmenprogramm mit Vorträgen und Workshops wird weit überwiegend von Verbänden, Institutionen und Unternehmen gestaltet oder gesponsert. Sie entscheiden strategisch über Agenda, Format und Auswahl von Rednern, Diskutanten und Moderatoren. Also ist keine Neutralität der Inhalte zu erwarten.
  • Die Messe ist ein inszeniertes Ereignis, zugespitzt: ein Zirkus der Aufmerksamkeit. Jede Messe ist Spielplatz, Show und Spektakel. Auch die Didacta funktioniert nach den Regeln emotionaler Erlebnis-Eventisierung. Das positive „Aha-Erlebnis“ durch Dabeisein, Anfassen und Ausprobieren, die „Klassentreffen“-Stimmung und die lockere Atmosphäre verkürzen die kritische Distanz zu Marken und Produkten.

Kommerz und Einflussnahme sind das Normale, keine Ausnahme bei einer Messe. Fachdiskurs und Fortbildung sind keine Tarnung, aber ein Mittel für Produkt-Marketing, Marken- und Imagepflege und politische Lobbyarbeit. Das ist auch legitim. Dass die Didacta zuerst ein Kontakthof, Verkaufsplatz und Vertriebskanal ist, spricht nicht gegen die Qualität der Inhalte.

Aus redaktioneller Sicht mit Blick auf die Kommunikation der Hannover-Didacta 2027 müssen sich Bildungsportal-Teams aber überlegen, wie sie mit interessegeleiteten Events umgehen wollen.

Speaker’s Area im Korridor zwischen den Hallen
Irgendwann wird es zu viel: Stille Pause am Ausgang Nord

Fotos: Marco Althaus