DEUTSCHE ZEILEN
▶ Ein in den Madsack-Redaktionen bewährtes Raster gibt jede Meldung als Spiegelstrich-Liste wieder.
▶ Das aus Madsacks „5in5“-Newsletter-Angeboten bekannte Schema stammt aus den USA vom Nachrichtenportal Axios.com.
▶ Die Format-Idee kann auch BiP-Redaktionen nutzen, etwa als Zusammenfassung für Seiten- und Artikelköpfe oder im Newsletter.
▶ Kritiker halten „Axiosisch“ für verkorkste Sprache und das „Axiomisieren“ von Texten für verfehlt. Wir zeigen Pro und Kontra.

Wer bei Madsack/RND unter den gut 160 Newsletter-Angeboten einen der populären „5in5“ Lokaldienste abonniert, ob in Hannover, Peine oder Göttingen, erhält täglich um 5 Minuten vor 5 Uhr früh genau 5 Nachrichten für 5 Minuten Lesezeit. Das „neue Nachrichtenformat für eine neue Generation“ ist auf das Medienverhalten 25- bis 45-Jähriger zugeschnitten.
Das Besondere ist der Einkaufslisten-Stil. Ob in E-Mail, App, Web oder Messenger, jede Meldung wird crossmedial im selben Raster serviert. Der simple Madsack-Dreisatz geht so:
- Das ist passiert: 1-2 sehr kurze Sätze
- Darum ist es wichtig: 1-2 sehr kurze Sätze
- So geht es weiter: 1-2 sehr kurze Sätze
Gelegentlich erlaubt man sich eine Variation wie „Hintergrund:“ oder „Das Besondere:“.
Visuelle Führung: Ein Clou am Rand ist die graue Führungslinie mit blauen Punkten. Nicht auffällig, eher subtil, aber wirkungsvoll. Sie schiebt die User von Abschnitt zu Abschnitt. Die Linie endet beim Logo der Zeitung und dem Stupser, jetzt etwas zu tun („Call to Action“). Es warten ein dicker Link zum Volltext-Artikel und vier Social-Knöpfe zum Teilen.
Karten-Design: Im Idealfall passt jede Meldung hochkant genau auf einen Smartphone-Bildschirm. Man sieht alles ohne Scrollen. Jede Nachricht wirkt wie eine didaktische Lernkarte – oder eine Quartett-Sammelkarte. Diese Kartenansicht heißt Madsack-intern „der Smart“. Warum? Das Format folgt der Formel „Smart Brevity“.
Fazit fürs BiP: Nutzen Sie den Madsack-Dreisatz als effiziente Ergänzung. Er ist der perfekte Filter für den schnellen Überblick oder den Einstieg in ein komplexes Thema. Für „Gedankenführung“ und tiefe Analyse bleibt im ausführlichen Text darunter immer noch genug Platz.
Der Madsack-Dreisatz kommt aus Amerika
Der hannoversche Medienkonzern verrät in seinem Jahresbericht: Das Rezept wurde von der US-Medienfirma Axios „inspiriert“. Inspiriert ist untertrieben…
Das Axios-Gründertrio, frühere Politico-Journalisten, versprach 2016 mit „Smart Brevity“ eine Radikalkur gegen Reiz- und Info-Überflutung. Axios.com ist inzwischen eine der größten und bekanntesten Nachrichten-Websites (Sitz: Arlington bei Washington, DC). Zugleich betreibt die Muttergesellschaft eine Beratungsfirma, die „Smart Brevity“ Unternehmen und Organisationen als Universal-Methode der Führungskommunikation verkauft.
Die Markenzeichen des Formats und Stils
- Die meisten Artikel haben weniger als 300 Wörter.
- Die kurzen, oft thesenartigen Inhalte sind für die sozialen Medien optimiert.
- Aufzählungspunkte sind ein wichtiges Stilmittel.
- Aussagen werden meist eingeleitet mit einigen fettgedruckten Wörtern, die mit Doppelpunkt getrennt werden. Das, was als visueller Anker dient und auch Madsack ein „Axiom“ nennt.
Ein Bausatz nach der Axios-Formel
Axios redet gern über die „Formel“ und versucht dafür Fans zu gewinnen. Was das „Axiom“ angeht, empfiehlt Axios Anfängern dieses Set:
- What’s new: Ein Satz, der die wichtigste Information für Ihre Leser enthält.
- Why it matters: Der Kontext, damit Leser verstehen, wie sich die Nachricht auf sie auswirkt.
- The big picture: Auf einen breiten oder wachsenden Trend hinweisen.
- By the numbers: Wichtige Statistiken, die eine Geschichte veranschaulichen.
- How it works: Beschreibt Schritte oder Anweisungen für einen Prozess.
- Between the lines: Für differenzierte Einblicke und Analysen.
- Yes, but: Um einen Punkt zu relativieren oder Gegenargumente anzubringen.
- What to watch: Sich entwickelnde Trends oder mögliche Wendungen der Lage.
- What’s next: Welche Weichenstellungen und Entscheidungen bevorstehen.
- The bottom line: Unter’m Strich, was ist das Fazit oder die Kernbotschaft?
- Go deeper: Link zu vertiefendem Artikel oder Materialien.
Axios stellt auch einige KI-Redaktions-Tools gratis zur Verfügung, zum Beispiel einen Umformulierer, einen Zusammenfassungs-Roboter oder einen Fazit-Generator, der einen Text auf den Punkt bringen soll. Das sind Chatbots, mit denen sich die Methode im kleinen Anwendungsfall ausprobieren lässt.
Die Kritik am Format
Nicht überraschend halten viele Kommunikationsprofis „Axiosisch“ für eine verkorkste Sprache und das formelhafte „Axiomisieren“ von Texten aller Art für verwerflich.
- Verflachung und Übervereinfachung: Extreme Kürze, Stichwort-Listen und „Formel“-gebundene Wiedergabe sind das Gegenteil von Tiefe, Nuance und Kontext.
- Der KI-Einsatz bedeutet, man füttert die Maschine mit einem herkömmlichen, von Menschen geschrieben Text und erhält ein hoch standardisiertes Produkt aus der Axios-Stanze.
- Monotonie (und ihre negativen Folgen): Die immer wiederkehrenden Zeilenanläufe im Fettdruck und Doppelpunkt können anspruchsvollere User langweilen oder verärgern.
Die Verteidigung des Formats
Die Kritik verkennt, dass „Smart Brevity“ keine literarische Gattung, sondern ein Filter- Werkzeug zur Effizienz in einer reizüberfluteten Informationswelt ist.
- Standardisierung ist kein Makel, sondern ein Nutzerversprechen: Sie senkt die kognitive Last und stellt sicher, dass relevante Botschaften ihr Zielpublikum in kurzer Zeit erreichen.
- Klare Strukturen und visuelle Hierarchie opfern als solche keine Tiefe.
- Ein radikaler Fokus macht den Kern für schnelle Leser überhaupt erst zugänglich.
- Tiefe und Kontext finden ihren Platz anderswo (deshalb die „Go Deeper“-Ebenen).
Im Grunde führt Axios das Texthandwerk auf längst bekannte Grundsätze zurück. Die Methode „Smart Brevity“ mag als strategische Effizienz-Formel übertrieben gefeiert werden. Ein Evangelium ist das nicht. Wird die Formel zu formelhaft und penetrant angewandt, kann das nervig wirken. Aber: Der Axios-Ansatz ist nicht schuldig am Verlust an Substanz. Es kommt immer darauf an, was Autoren und Publizisten erreichen wollen.