Füllwörter ausmerzen: „Läuse im Pelz der Sprache“

Also, jedenfalls bloß sozusagen. Natürlich, überhaupt. Dann eigentlich doch indes etwa schon einfach, ja nun mal ruhig auch. Halt eben praktisch irgendwie, übrigens quasi gewissermaßen. Vielleicht wohl, vermutlich. Genau!

Überflüssige Füllsel, schimpfen die einen. Gnadenlos streichen bitte. „Alle diese Flickworte wimmeln wie Läuse in dem Pelz unserer Sprache herum“, unkte schon Ludwig Reiners in seiner berühmten Deutschen Stilkunst (1943). Andere Stilkönige haben mehr Sympathie. Füllwörter seien „Würzwörter“ und „Färbewörter“. Sparsam und gekonnt dosiert, brächten sie Aroma und Farbe. Man könnte auch sagen: In kleinen Mengen sind Füllwörter unschädlich, sogar gesund und stärkend für Satzmelodie und Wirkungskraft! Die Dosis macht das Gift.

Blah-blah wird gefüttert mit Blähwörtern. Sie verführen zu Doppelmoppel und Pleonasmen.

Die Debatte geht weiter, mit neuem Schlag. Textcoach Dr. Annika Lamer argumentiert in ihrem erfrischenden Artikel „Wie Füllwörter unsere Sprache bereichern“, der informelle Ton des Mündlichen in den Social Media habe in vielen Textarten die Ansprache verändert.

Gesprochenes Deutsch sei voller Füllwörter – „und das mit Recht“. Um Sprechpausen zu überbrücken. Um Zeit zu gewinnen, um Gedanken zu ordnen oder einen Satz korrekt zu formulieren. Um einen Themenwechsel einzuleiten. Um eine Aussage abzupuffern. Das habe im Gespräch alles einen Zweck, sagt Lamer.

Aber im Schriftlichen? Annika Lamer findet Füllwörter „perfekt, um Mündlichkeit in einen Text zu bringen“. Sie machten einen drögen, hüftsteifen Text lockerer und natürlicher. Ein Pfiff Plauderei tue manchem Artikel gut. Füllwörter seien zudem ein Hilfsmittel, um über die Sachebene hinaus zu kommunizieren.

Lamer hat Recht. Füllwörter bringen Empathie oder Distanz, Milde oder Kraft und Schärfe. Es sind rhetorische Mittel. Sie massieren die Sprachmelodie. Füllwörter erlauben die Feinsteuerung von Wirkung und Zielgruppe.

Eins mag auch Frau Lamer nicht: Füllwörter als Ballast. Wenn sie sich häufen, immerzu wiederholen, Aussagen verwässern und gedankenlos dazwischengeworfen werden – dann sind sie nicht nützlich und schön, sondern lästig.

Die Füllworter wegprompten

Was liegt in heutiger Zeit näher, als Künstliche Intelligenz zu beauftragen, einen Text von lästigen Läusen im Pelz zu befreien? Im Oktober 2024 hat der Redaktionsbrief schon einmal ein Tool vorschlagen, die Wolf-Schneider-KI („Die Sprachpapst-KI für Redaktionen“). Die wurde gefüttert mit den Stilbüchern des früheren Leiters der Hamburger Journalistenschule.

Wer es nicht gleich so professionell betreiben will, bepromptet seine Lieblings-KI selbst. Anders als bei der WSKI überlässt man es dem Zufall, wie die KI trainiert wurde und woher sie sich ihre Verbesserungsmethoden holt. Aber es ist möglich, ihr durch präzise Vorgaben, Listen und Beispiele ein wenig auf die Sprünge zu helfen und die eigenen Vorlieben zu verstehen.

Schreibtrainerin Anne-Kathrin Gerstlauer erläuterte jüngst in ihrem Newsletter TextHacks, wie einfach das sein kann. Ihr Computerbefehl lautet nämlich einfach:

„Ziel: Verbessere einen Text und eliminiere unnötige Füllwörter und -sätze.
Scanne den gesamten Text nach überflüssigen Füllwörtern, insbesondere:
eigentlich, durchaus, gewissermaßen, quasi, sozusagen, eben, halt, mal, ja, doch, wohl, schon, einfach, irgendwie, irgendwo, eventuell, vielleicht, dann, also, nun, nämlich, natürlich, übrigens, bekanntlich, bekanntlicherweise, tatsächlich.
Ersetze Füllsätze durch präzise Alternativen.”

Dann gibt sie dem Computer noch einige Beispiele bei, die den gewünschten Tonfall signalisieren, und lässt ihn über ihr Textmanuskript laufen. Für Nachahmer hat sie als Zugabe „Die längste Füllwörter-Liste in der Geschichte von TextHacks“.

Obacht: Wer das falsche Füllwort streicht, killt die Kernaussage

Füllwörter-Listen haben einen entscheidenden Haken.Jedes Wort kann ein Füllwort sein“, warnt Gidon Wagner von der Münchner Textsoftwareschmiede Wortliga.de (siehe Video). Es hänge vom Kontext ab. Manches Füllwort ist nicht nur als Beiwerk, sondern als Teil der Kernaussage wichtig.

„Welche Wörter sind Füllwörter – und sind sie alle schlecht? So dosierst Du richtig“, Video (2022) auf Wortliga.de und YouTube

Wagner räumt ein, die Warnmarkierungen seines eigenen Textanalysetools würden Anfänger dazu verleiten, alle vermeintlichen Füllwörter zu streichen. Er hält das für keine gute Idee.

Sie können Stil und Zweck verstümmeln, sogar die Hauptaussage eines Satzes zerstören. Abgesehen von den üblichen Verdächtigen empfiehlt Wagner: „Abwägen bei jedem einzelnen, braucht’s der Leser oder nicht?“ Seine Software will er als Hilfe verstanden wissen. Für die letzte Entscheidung beim Redigieren rät er: „Aufs eigene Gefühl hören.“

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Zeichnung: Marco Althaus