SUCHLUPE

Werden die Teenager von morgen das Wort „googeln“ noch kennen? Wenn ja, meinen sie sicher etwas anderes als wir. Ein Vierteljahrhundert lang sprachen wir von „Trefferlisten“. Internet-Suche, das war immer dasselbe: eine Reihe von 10 blauen Links auf einer ersten Seite.
Nun ist die gute alte Trefferliste fast perdu. Bald werden wir ihr nur noch begegnen, wenn wir sie extra anfordern. Statt Stichworten geben wir Fragen und Prompts ein. Statt Listen mit Rohware erhalten wir Fertigantworten, die ein Weiterklicken überflüssig machen. Die Ära der Null-Klick-Suche bricht an.
Die Nutzerzahlen der Suchmaschinen sinken. Immer mehr Leute befragen einen KI-Chatbot, statt sich Listen mit Seiten-Links ausgeben zu lassen. Egal, ob Schnellsuche oder komplexe Recherche: ChatGPT, Claude, Grok, Perplexity, Midjourney, DeepSeek & Co. saugen klassischen Suchmaschinen die Nutzer weg.
Google und Bing versuchen gar nicht erst, ihre alten Maschinen zu verteidigen. Sie zertrümmern sie lieber selbst, bevor die neue Konkurrenz sie aus dem Markt sprengt. Den Verzweiflungsschlag präsentieren sie als Fortschritt von einer dummen zu einer superschlauen Suche.
- Microsoft wirbt, „Bing ist Ihre KI-gestützte Suchmaschine“ mit „intelligent kuratierten Antworten“ für die „neue Ära der Suche“.
- Google verspricht mit seinem in die normale Suche eingebauten KI-Assistenten Gemini Fortschritt „von reiner Information zu intelligenten Lösungen“.
Es ist ein Jahr her, dass Google die „Übersicht mit KI“ vorstellte. Seit 28. März läuft sie auch in Deutschland. Nicht immer, aber oft (und nur, wenn man mit Google-Konto angemeldet ist) spielt es eine KI-Zusammenfassung oberhalb der Linkliste aus.
Das ist nur ein Vorgeschmack. In den USA ist auf Google.com links oben schon der „KI-Modus“ als Standard im Menü fixiert. Er verwandelt die Suchmaschine endgültig in einen Chatbot. Im nächsten Schritt soll er vom antwortenden zum ausführenden Digital-Butler mutieren. (Er sagt nicht nur, wo man Formulare findet, er füllt sie aus. Er sagt nicht nur, wo man etwas kaufen kann, er kauft es.)
Gebrochen wird nun auch endgültig mit dem Urheberrecht. Bisher galt, dass Web-Seiteninhalt nur im 1- bis 3-zeiligen Mini-Auszug („Snippet“) zitiert wird. Die KI-Roboter klauben aber ihre Antworten komplett aus Fremdinformationen zusammen, für die andere das Copyright besitzen. Ein Entgelt darf keiner erwarten. Als kleine Geste gibt der Bot auf Nachfassen einige (nicht alle) Quellen an, freilich unter Missachtung aller Zitierregeln. Kein Wunder, dass die US-Verlagsbranche gegen „Diebstahl“ wettert.
Exodus: Die Angst der Inhaltsanbieter
Die „Übersicht mit KI“, die es weltweit bereits in 200 Ländern gibt und in Deutschland seit 28. März, hat jetzt schon fühlbare, teils schmerzhafte Folgen für viele Internetseiten.
Das Web ist voll Wut und Klagen von Inhaltsanbietern, die ihre Sichtbarkeit und Geschäftsmodelle taumeln sehen. Das ist keine irrationale Angst. Erste Studien (z. B. von Growth-Memo.com) belegen, der Sog ist zum Teil drastisch.
- KI ist tatsächlich ein Klick-Killer: Wer eine KI-Antwort erhält, ist damit meist zufrieden und verzichtet auf weitere Seitenklicks, um den Original-Inhalt zu sichten. Die Google- Ergebnisseite wird zum Endpunkt statt zum Startpunkt einer Suche.
- „Überblick mit KI“ frisst Platz und verdrängt die alte Trefferliste aus dem Sichtfeld. Erst recht, wenn die KI-Zusammenfassung ausgeklappt wird. Der alte Witz, eine Leiche lasse sich am besten auf der zweiten Google-Trefferseite verstecken, weil dort schon keiner mehr hingeht, wird noch makabrer. Selbst wer es an die Spitze der normalen Google-Trefferliste schafft, verliert die Sichtbarkeit.
In Deutschland bedient Google 9 von 10 Suchen, und auch im Bildungsportal sind 9 von 10 Besuchern, die über Suchmaschinen zu uns kommen, bei Google eingestiegen. Das heißt, Googles Änderungen verändern fast jedermanns Suchverhalten.
Die Frage ist, wer davon profitiert und wem es schadet. Vor allem: Ist es eine Gefahr für das Bildungsportal?
Schon vom Exodus des Google-Traffics spricht FAZ-Experte Holger Schmidt. „Zero Click Search“ werde das neue Normal – die Suche, bei der Nutzer keine externen Links mehr anklicken. In seinem Netzökonom-Blog warnt Professor Schmidt:
„Die Zero-Click-Suche, angetrieben durch generative KI, stellt das Gefüge zwischen Plattformen und den Erstellern von Inhalten somit vor eine historische Bewährungsprobe. Google als mächtigster Player hat faktisch entschieden, dass die Suche der Zukunft Antworten statt Links liefern soll. Für Nutzer mag das bequem sein, aber für die Inhaltsanbieter ist es ein Paradigmenwechsel mit hohen Verlusten.“
Es wird eben nicht mehr üblich sein, dass die Suchmaschine die User an die Inhaltsanbieter vermittelt (abgesehen von Werbetreibenden, die dafür zahlen). Auch Stephan Scheuer vom Handelsblatt warnt, die alte Abmachung zwischen Google und den Inhaltsanbietern gehe kaputt:
„Das Web basiert auf einem einfachen Prinzip: Inhalt gegen Reichweite. Fachportale, Blogger und Medien stellen ihr Wissen ins Netz, weil Google ihnen Leser bringt. Doch mit den neuen KI-Synthesen bricht dieses Modell zusammen. Google nutzt fremde Inhalte, aber die Nutzer bleiben in seinem Ökosystem gefangen.“
Das ist vor allem die Perspektive jener, die mit der Produktion Copyright-geschützer Inhalte ihr Geld verdienen. Beim staatlicher Bildungsportal ist der Inhalt sowieso quasi Gemeingut. Aber eine massive KI-bedingte Besucherflaute würden auch wir nicht vertragen. 60% unserer Benutzer kommen von Suchmaschinen, und von diesen 90% von Google.
Der Traffic-Rückgang ist nicht überall gleich
Ambivalent ist das Urteil von Udo Trautmann, Experte für die auch von uns benutzte Web-Statistik-Software Matomo. Er betreut viele Internetseiten und beobachtet die Trends in seinem Zahlencockpit.
In seinem Blog erläutert Trautmann, der Rückgang sei bisher weniger stark bei hochspezialisierten Produkt-Websites, Hochschulen und Einrichtungen mit personengebundenen Dienstleistungen, etwa im Gesundheitswesen.
„Am deutlichsten vom Rückgang betroffen waren dagegen Webseiten, die entweder kostenlos Wissen oder Informationen oder zu bezahlende Wissensangebote (Schulungen, Seminare) anbieten. Dies zeigt, dass der jetzige Leistungsstand von KI-Tools vor allem dort die Besuche-Zahlen schwächt, wo sie ihre technologische Stärke im Sprachbereich (Large-Language-Models) beim Analysieren von Texten ausspielen können.“
Das Bildungsportal fällt vermutlich zwischen beide Pole. Ob Google oder Bing mit oder ohne KI-Power bei uns Abfragen machen, können wir leider nicht unterscheiden. Allerdings wissen wir, dass die Zahl der Zugriffe von ChatGPT und anderen KI-Bots noch sehr klein, aber in diesem Jahr auch rasch gestiegen ist. Das ist nicht zu unterschätzen.
Bisher ist nicht sichtbar, dass die neue Google-Funktion den Besucherstrom zu uns drosselt. Bei deren Rollout Ende März rauschte aber auch gerade die Abiturthemen-Suchwelle, und dass sie im Mai abflaut, ist normal. Zudem lagen die Osterferien spät, im April; in den Ferien geht die Suchaktivität immer abwärts. Insgesamt lag die Zahl der Google-Suche März–Mai 2025 sogar 50.000 Besuche über dem Vorjahreszeitraum 2024.
Besser aufgestellt als andere
Wahrscheinlich sind wir weniger bedroht als andere Wissens- und Fachportale:
- Die Motivation von Menschen, direkt auf unseren Seiten zu recherchieren, dürfte wie bisher recht hoch ausfallen.
- Das BiP ist für die KI-Bots selbst eine attraktive Recherchequelle, und wir haben eine überdurchschnittliche Chance, in die von der KI verlinkte Quellenliste zu kommen.
Auf diesen Hoffnungsschimmer deuten die ersten Studien und Analysen zu den Folgen des ChatGPT-Suchbooms ab Sommer 2024 hin.
Es ist ganz simpel: Wer hat, dem wird gegeben. Es sind kleine und mittlere Webseiten, die KI am meisten fürchten müssen. KI-gestützte Suchen können Traffic weiter auf Seiten lenken, aber das werden tendenziell große Anbieter mit etabliertem, detailliertem, gut strukturiertem Inhaltsangebot sein. Also Inhalt, der
- am besten häufig aktualisiert wird und viele Backlinks von anderen Seiten mit Fachautorität hat
- von der KI als hochwertig eingestuft und von ihr für ihre Zusammenfassungen selbst benutzt wird
- von KI-Sprachmodellen gut verstanden und verdaut werden kann.
Außerdem ist es vorteilhaft, dass das Bildungsportal Niedersachsen einen natürlichen großen Regionalanker hat. Denn Geotargeting spielt bei Anfragen geografisch Passendes bevorzugt aus.

Was tun?
- Wir müssen davon ausgehen, dass unsere BiP-Inhalte auf neuem Weg zu den Usern kommen: nämlich indem sie über KI-Zusammenfassungen ausgespielt werden, ohne dass der Endnutzer überhaupt das Bildungsportal besucht hat. Das neue Ziel ist also nicht mehr nur, in einer Linkliste aufzutauchen. Es lautet, in der KI-Zusammenfassung zitiert zu werden!
- Es spricht viel dafür, unseren Vorsprung durch engagierte Suchmaschinen-Optimierung (SEO) auszubauen. Die ist mit KI nicht passé, im Gegenteil.
- Beim Optimieren der Seiten für Suchmaschinen zählt mehr denn je eine gut durchdachte Struktur (Überschriften, Abschnitte, Zusammenfassungen). Und: Am besten werden Seitenbauer fahren, die sich überlegen: „Welche Fragen soll unsere Seite beantworten?“
Denn in einem solchen Frage-Antwort-Spiel „denkt“ die KI. Also muss man ihr nicht einfach Informationen geben, sondern etwas, was nach einer Antwort auf eine Frage aussieht. - Unsere Existenz hängt nicht allein an Suchmaschinen, ob mit KI oder ohne. Direktaufrufe und Backlinks / Empfehlungen von Websites im Schul- und Bildungswesen liefern auch starke Zahlen. Dies sollte weiter ausgebaut werden – eine Frage von Bekanntheit und Vernetzung.
- Es ist auch gut, dass es immer mehr mit dem BiP verbundene Newsletter und Podcasts sowie Ansätze für Social Media gibt, die jenseits der Suchmaschinen eigene Wege in die Fach-Community eröffnen. Diese Publikationsform und Beziehungspflege wird noch wichtiger werden.
- Udo Trautmann: KI senkt Reichweite – mit Matomo nachprüfen (26. Mai 2025)
- Stefan Krempl, Heise.de: Verleger: Googles neuer KI-Suchmodus entspricht „der Definition von Diebstahl“. (25. Mai 2025)
- Holger Schmidt, Netzoekonom.de: Wenn die KI den Google-Traffic versiegen lässt (14. Mai 2025).
- Jonas Hammerich, Chip.de: Google AI Mode: Das kann die Alternative der Suchmaschine (23. Mai 2025)
- Kevin Indig, Growth Memo: The First-ever UX Study of Google’s AI Overviews: The Data We’ve All Been Waiting For. (12. Mai 2025)
- Stephan Scheuer, Handelsblatt.com: Googles KI-Suche ist eine Gefahr für das Internet (26. März 2025)
- Patricia Unfried, Eology.de: ChatGPT und KI-Chatbots: Einfluss auf das Suchverhalten und den Web-Traffic (24. Februar 2025)