PORTALKIEKER
▶ Innovation für mehr Barrierefreiheit: Video-Avatare erklären Fachbegriffe in Deutscher Gebärdensprache (DGS).
▶ Das ist eine Lesehilfe für Gehörlose, die Schwierigkeiten mit der Schriftsprache haben.
▶ Viele Seiten werden künftig durch ein rotes Quadrat begleitet: ein „ToolTip“, der die Video-Anzeige aktiviert.
▶ Die Liste der 56 Begriffe, für die es jetzt Erklär-Videos gibt

Das Bildungsportal bekommt eine Lesehilfe für gehörlose Menschen und Menschen mit Hörbehinderung. Eine computeranimierte Figur (Avatar) erklärt Fachbegriffe in Deutscher Gebärdensprache (DGS).
Für einen Testbetrieb wurden56 Begriffe ausgewählt. Zum Beispiel für „multiprofessionell“ oder „Nachteilsausgleich“, für „Zentralabitur“ oder „Operatoren“.
Der Avatar ist eine junge Dame im roten T-Shirt; sie heißt Emma und stand schon 2020 im Dienst des Sozialministeriums.
Avatar Emma tritt mit fließenden Bewegungen auf. Nicht nur die Hände, sondern auch der Mund, Augen und Augenbrauen, spielen gekonnt zusammen. Denn Wörter und Grammatik jeder Gebärdensprache beruhen auf diesem Zusammenspiel von Gestik und Mimik.
Ein rotes Quadrat mit Aufschrift „DGS“ begleitet künftig viele Seiten, auf denen bestimmte Wörter stehen. Dieser DGS-Knopf bleibt stets im Sichtfeld. Damit lässt sich per Klick ein Erklär-Video auslösen.
In den kommenden Tagen erscheint der DGS-Knopf für einen Testlauf auf der DGS-Seite des Bildungsportals. Doch in Kürze wird er auf allen Seiten sichtbar, wo die Redaktion bestimmte Fachbegriffe im Text verwendet hat.
Wieso Gehörlose eine Lesehilfe brauchen
Die Sprachbarriere ist nicht offensichtlich, aber real. Gehörlose lesen Schriftsprache nicht so problemlos, wie man denken könnte.
Schriftsprache verwandelt Lautsprache in abstrakte Symbole. Für taube Menschen ist aber nicht die Lautsprache, sondern Gebärdensprache die Muttersprache. Wer nie Laute gehört hat, stolpert beim Lesen der Schriftsprache eher über fremde, schwierige Wörter. Die Schriftsprache ist wie eine Fremdsprache – und das erzeugt eine Barriere.
So funktioniert der „ToolTip“
Das schwebende rote Quadrat ist ein „ToolTip“. Das ist ein kleines, kontextbezogenes Pop-up-Fenster in Webseiten oder Anwendungen. Damit gibt man kurze Erklärungen oder Tipps zu Symbolen, Schaltflächen oder Texten, ohne die Benutzeroberfläche dauerhaft zu überladen.

Der rote DGS-Knopf erscheint unten links. Ein Klick lässt einen blassgrünen Balken erscheinen: „Zeige Video-Hinweise für Fachbegriffe“. Mit dem Schieber stimmen Sie zu („Opt-In“). Der DGS-Knopf erscheint nur auf Seiten, auf denen einer der 56 Fachbegriffe vorkommt, die derzeit für den Test ausgewählt wurden.
Begriffe mit verfügbarer Erklärung sind durch grünen Unterstrich gekennzeichnet; beim Darüberfahren mit der Maus erscheint das passende Video.
Auf unserer DGS-Seite ist seit Oktober 2025 auch ein herkömmliches DSG-Video zu sehen (dazu Redaktionsbrief Nr. 12). Menschliche Übersetzter sind bei DGS unübertroffen. Doch die Produktionskosten für solche Videos sind hoch. KI-unterstützte Systeme erlauben heute eine teilautomatisierte Ergänzung durch Avatare.

Eine Anwendung aus Wien
Das Bildungsportal nutzt für die Avatare die Software „LookApp“ der Wiener Firma Sign Time. Das Unternehmen um Gründer Dr. Georg Tschare nutzt Technologien aus der Film- und 3D-Gaming-Industrie.
Bei Sign Time arbeiten Hörende und Gehörlose zusammen, die sich auf Linguistik, Programmierung, 3D-Animation oder Barrierefreiheit spezialisieren. Menschliche Gebärden-Übersetzer prüfen und korrigieren alle Avatar-Videos.
Die Sign Time-Entwicklung stammt aus einem 2015 gestarteten Projekt „SiMAX“, das vom EU-Wissenschaftsprogramm gefördert wurde.
Das Ziel war, auf Basis einer lernenden Datenbank mit intelligenten Algorithmen Übersetzungen in die sechs in Europa gebräuchlichsten Gebärdensprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Polnisch) zu schaffen.
Für diese 56 Fachbegriffe gibt es Avatare

Die folgenden 56 Begriffe werden unterstützt:
- Ansprechperson
- Begabungsförderung
- Beratungsanliegen
- Demokratie
- Differenzierung
- Digital
- Einrichtung
- Einzelfallberatung
- Elementarbereich
- Empathie
- Experte
- Fördern
- freier Zugang
- Frühstudienangebot
- Gleichberechtigt
- Heterogenität
- Hilfsmittelregelung
- Hochschulzugangsprüfung
- Hygiene
- Inanspruchnahme
- Inklusion
- Integration
- intuitiv
- Kompetenz
- Komplex
- Kompliziert
- Konflikt
- Kreativität
- Krise
- Kriterium
- Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten
- MINT
- Monitoring
- Motivation
- multiprofessionell
- Nachteilsausgleich
- Netzwerkarbeit
- Neutral
- Nichtschülerprüfungen
- Operatoren
- Pädagogik
- Passiv
- Präsentationsprüfung
- Projekt
- Schulpsychologie
- Soft Skills
- Sozial
- Standard
- Startchancen
- Struktur
- Supervision
- Systemische Beratung
- Tandem
- Vielfalt
- Zentralabitur
- Zentrale Stellen
Gesetzliche Pflicht
Der Gesetzgeber verlangt, dass öffentliche Stellen den Startbereich ihrer Webpräsenzen mit DGS-Videos ausstatten. Sie sollen informieren über wesentliche Inhalte, Navigation und Barrierefreiheit ihrer Seiten. Nachzulesen in der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0). Damit setzt Deutschland die europäische Norm EN 301 549 um.
Kritik an KI-gestützten Avataren
Solche Avatare werden intensiv und kritisch diskutiert. Keinesfalls nur deshalb, weil sich menschliche Dolmetscher und Übersetzer Sorgen um ihre Jobs machen. Auch deshalb, weil der Nutzen für Gehörlose manchmal gering ist.
Die KI-Technik für Gebärdensprache, bei der es um Audio und Video zugleich geht, ist viel weniger entwickelt als KI-Technik für Lautsprache. Man darf auch nicht vergessen, dass jede KI nur so gut sein kann wie die Trainingsdaten.
Die Chefredaktion ist sich dessen bewusst. Überlegt setzen wir Avatare zur Probe ein – und nur für diese Fachbegriffe, nicht für komplexe Erläuterungen. Wir arbeiten mit einem Anbieter zusammen, der nicht allein auf Rechenleistung setzt, sondern auch auf Kompetenzen, die nur ausgebildete Übersetzer/Dolmetscher und betroffene Gehörlose mitbringen.
Zu den Kritikpunkten, die etwa im Blog KI Kompass Inklusiv gut zusammengefasst sind, gehören:
- Avatare wirken zwar immer flüssiger, aber sie bleiben im Ausdruck plastikhaft und robotig. Avataren fehlt der natürliche Ausdruck, der emotionaler und präziser ist.
- Sie konzentrieren sich auf Gesten, aber das für die Grammatik notwendige Zusammenspiel mit Mimik, Mund und Körperhaltung und Gestik klappt nicht so gut.
- Regionale Unterschiede, die es auch in der Gebärdensprache im deutschsprachigen Raum gibt, werden von den Anbietern oft übergangen.
Die technische Entwicklung wird fortschreiten. Wir werden sie weiter verfolgen, auf Nutzerfeedback hören und schrittweise unsere Anwendungen anpassen.
- Portalkieker | „Die Geste zählt: Gebärdensprache-Video führt ins BiP ein“ (Redaktionsbrief Nr. 12, 31. Oktober 2025)
- „KI-Assistenz auf dem Prüfstand: Digitale Avatare bei der KI-gestützten Gebärdensprach-Übersetzung“. KI Kompass Inklusiv (Mai 2026)