Martina Kipp: Oben bleiben


Wenn strahlendes Blau über Hannover die Wolken verscheucht, halten sich Martina Kipps Augen nur schwer an den Akten fest. Durch ihr Fenster sind die 20 Kilometer entfernten Deisterhöhen leicht auszumachen. Dort wäre jetzt vielleicht die Thermik ideal, um von einem Berg in den Himmel zu laufen.

Sonnenwarme Luft würde ihren gelben Gleitschirm aufwärts pusten. In 400 Metern Höhe würde sie sich aus der Schleppwinde ausklinken und über die Waldwipfel emporschrauben. 600, 700, 1000, 1200 Meter würde sie auf dem Variometer ablesen. Ein ruppiger Aufwind oder ein Sturz in ein Luftloch würden ihren Magen testen. Egal. Auch das ist Fliegerglück im Tragegurt.

Doch heute wird Martina Kipp, Pilotin mit B-Lizenz im Paragliding, nicht höher aufsteigen als Büroetage sechs im Kultusministerium. Sie erzählt dem Redaktionsbrief von ihrem Weg.

Martina Kipp, MK-Referat 51

Stiche ins Herz

Seit Februar führt sie Referat 51 als Vize von Dr. Monika Lütke-Entrup. Fünf Frauen arbeiten hier, zwei Stellen sind noch zu besetzen. Kipp gehört ebenso zur achtköpfigen Redaktion Frühkindliche Bildung, die im Bildungsportal gut 70 Seiten betreut.

Dass es so viele Seiten sind, spiegelt die Größe des Sektors. Fast 380.000 Kinder toben und lernen in über 6000 Einrichtungen wie Krippen, Kindergärten und Horten. 90.000 Beschäftigte wirken in Kindertagesstätten und der Kindertagespflege. „Im Gegensatz zu den Lehrkräften“, erläutert Kipp, „ist unsere Ministerin von niemandem die Chefin. Wir haben keinen Durchgriff.“

Statt in straffer Amtshierarchie bewegt sich Kipp im Gewusel von 1800 Kita-Trägern. Es sind Wohlfahrtsverbände, Kirchen, Städte, Gemeinden, Landkreise und mehr als 500 private Elterninitiativen. „Da sind manche Diskussionen eben etwas länger“, grinst Kipp.

Obendrein teilen sich Kultus- und Sozialministerium mit ihren Ressortbehörden die Hoheit übers Landesjugendamt. In dessen Kleid tritt das RLSB Hannover als Aufsichtsbehörde auf den Plan, wenn es einer Kita die Betriebserlaubnis erteilt oder Finanzhilfe fürs Personal gewährt.

Die kompakt gebauten Webseiten sind für viele da. Für Träger, die ihr knappes Personal strecken müssen. Für Behörden, Beiräte, Fachberatungen mit Spezialfragen. Für werdende Erzieher und erfahrene Erzieherinnen. Für Leute, die selbst eine Kita gründen. Für Eltern, die sich um Kinderschutz sorgen, und für die, die nach einem Platz für ihren Nachwuchs fahnden.

Kipps Referat bettet die Seiten in die Alltagsarbeit ein. „Es vergeht eigentlich kaum ein Tag, an dem wir unsere Artikel im Bildungsportal nicht vermarkten“, berichtet sie. „Schicken wir E-Mails zu einem Thema, fügen wir einen passenden Link dazu ein. Ruft uns jemand an, erklären wir am Telefon, wo die Handreichung oder das Bereichskonzept im Netz zu finden ist. Bei Besprechungen zeigen wir die Seiten gleich live.“

„Es vergeht eigentlich kaum ein Tag, an dem wir unsere Artikel im Bildungsportal nicht vermarkten“

MARTINA KIPP ÜBER DIE ALLTAGSKOMMUNIKATION

Nicht jedem ist klar, wie breit sich die Anspruchsgruppen auffächern, die Kipps Team bedient. „Für manche ist das MK ein Schulministerium, an das ein paar Kitas angehängt sind“, spöttelt Kipp. Ernst schiebt sie hinterher: „So eine Haltung gibt uns manchmal einen Stich ins Herz.“

In der Tat sind Kita und Kultus nicht überall so verknüpft wie hier. Niedersachsen hat neun Nachbarländer. Sechs davon geben die Kleinsten in die Obhut der Sozialministerien: NRW, Schleswig-Holstein, Hamburg, Hessen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.

„Ich wollte nie in die Verwaltung“

Kipp ist Berlinerin, aber sie wuchs da auf, wo die Metropole ganz dörflich ist. Ihre Heimat ist Kladow an der Havel, ein uriger Zipfel des Westbezirks Spandau. An der Evangelischen Fachhochschule Berlin studierte sie Soziale Arbeit. Nebenher arbeitete sie in einem Krankenhaus mit verhaltensauffälligen Kindern. Nach dem Diplom 2004 suchte sie Weite, Sand und eine Stelle. Sie fand sie auf Norderney.

Ein Familienerholungsheim war ihre erste Berufsstation. Sommers war Touristentrubel, winters brauste nur die Nordsee. „Das war die beste Zeit.“ Sie wollte für ein Jahr bleiben und blieb sechs. Dann wurde ihr die 26-Quadratkilometer-Insel doch zu klein. Kipp kündigte, ohne eine Stelle in der Tasche zu haben, und ging an Bord der Fähre. Das Meer indes ließ sie nicht los.

Am anderen Ufer der Deutschen Bucht heuerte sie in Husum im Kreishaus an. „Was komisch ist, denn in die Verwaltung wollte ich nie.“ Aber der Kreis Nordfriesland wollte Kipp. Die nächsten acht Jahre formten sie zur Expertin für Jugendhilfe und Sozialgesetzbuch. Bald leitete sie die Kita-Abteilung, kümmerte sich um Familienzentren, Pflegekinder, Eingliederungshilfe, Jugendschutz, Amtsvormundschaften. „Manches davon konnte sehr belastend sein“, gibt sie zu. „Aber alle zwei, drei Jahre brauchte ich was Neues.“ Auch Finanzen, Informationstechnik und Controlling der sozialen Fachdienste kamen schließlich unter ihre Regie. Kipp entdeckte: „Zahlen sind mein Ding.“

Der falsche Zettel

Im Sommer 2018 verließ sie die Küstenkommune und zog landeinwärts. Die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. brauchte eine Fachreferentin für die „Präventionsketten Niedersachsen“. Das Thema gefiel ihr, und ihr Radius war groß. „Zwischen Barsinghausen und Heidekreis war ich als Beraterin unterwegs. Man bringt viel Input, es ist sehr viel Kommunikation. Aber steuern und entscheiden kann man nicht.“

Das grüne Sofa im Sozialraum unterm Dach: Ausweicharbeitsplatz für Martina Kipp

Als Nur-Ratgeberin war sie nicht geboren. In ihr pochte das Herz einer Entscheiderin. So klickte sie 2020 wieder durch die Stellenmärkte. Im MK wurde sie fündig. Kipp kam als Sachbearbeiterin ins Team. Referat 51 sortierte sich gerade neu. Es dauerte kein Jahr, da deutete sich an, eine Stelle als Referentin würde frei werden. Ob sie nicht…? Ja, sie wollte. Aber dann wurde ihr Gesicht lang.

Heute sind Master-Abschlüsse von Fachhochschulen und Universitäten gleichgestellt. Für alte Urkunden gilt das nicht. Im Höheren Dienst sind Diplom (FH) und Diplom (Uni) zweierlei. „Ich hatte den falschen Zettel“, sagt sie. Es klingt salopp, aber es schwingt ein leises Grollen mit.

Sie schrieb sich für ein Teilzeit-Weiterbildungsstudium ein. Jeden Tag nach Dienstschluss radelte sie erst sieben Kilometer nach Hause und schlug dann bis zur Schlafenszeit Fachbücher auf. Im Urlaub saß sie im Blockseminar oder bimste für Klausuren. 2023, nach fünf Semestern, verlieh ihr die Ostfalia-Hochschule den akademischen Grad Master of Social Management. In Kipps Personalakte lag ein neuer „Zettel“. Der Weg nach oben war frei.

Ein Knäuel bunter Schirme

„Es kommt darauf an, oben zu bleiben.“ Der Fallschirmspringer will herunter, die Gleitschirmpilotin hinauf. Dafür muss sie viel über Wetter, Navigation und Aerodynamik wissen. Paragliding ist echte Luftfahrt. Das Nylontuch mit 10 Metern Spannweite ist ein Präzisionsgerät. Nur lassen sich Route und Flugdauer kaum genau planen.

„Manchmal liegen zwischen Start und Landung nur sieben Minuten. An guten Tagen sind es mehr als 30 oder auch mal Stunden.“ Das kann reichen, um einmal an einer Wolkenstraße entlang in die Ferne zu entschwinden. Ihr längster Flug? „Dreieinhalb Stunden in den Dolomiten.“

Martina Kipp, Inhaberin des „Luftfahrerscheins für Luftsportgeräteführer“ mit Überlandflugberechtigung, schwebt mit ihrem gelben Gleitschirm im September 2024 über die Dolomiten.

Die Alpen sind nicht der Deister. Kipp wirft sich von den ewigen Felsen majestätischer Zweitausender ins Nichts. Sie baumelt nur an wenigen Fäden unter einem Kunststoffsegel, wenn sie über eisige Gipfel kreist. Höhenangst? „Nö.“ Andere Angst? „Auch nicht.“ Die Frau ist tollkühn.

Vor einem Jahrzehnt biss sie der Hobbykäfer. „Ich hatte so lange im Flachland gelebt. Ich wollte mal echte Berge sehen“, erzählt sie. Sie buchte ein Zimmer in einem Alpenhotel, trat auf den Balkon und starrte gebannt auf ein Spektakel. „Vor mir schwebte ein Knäuel bunter Schirme.“ Tags darauf nahm sie allen Mut zusammen und stapfte zur Flugschule nebenan. Eine Stunde später war sie mit einem Lehrer in der Luft.

Fotos: Porträts Althaus NLQ, Flugbild: Jessica de Breyer