MENSCHEN IM PORTAL
85 000 Spitztüten werden im August 2026 etwas Neues enthalten: den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter. Es ist kein Zuckerschlecken für die vierköpfige Redaktion des Portals Ganztagsschule. Denn der Informationsbedarf ist riesig, und bis 2029 kommt jährlich eine Klassenstufe hinzu, die täglich acht Stunden Unterricht und außerunterrichtliche Angebote einfordern kann. Erziehungsberechtigte, Kommunen, Lehrkräfte, Schulleitungen und auch andere suchen Antworten. Was ist das, wie geht das, was müssen wir tun?

Gabriele Block kam vor drei Jahren ins Referat 25 und musste sich fortan dieser Fragewelle stellen. Sie ist Seiteneinsteigerin, weder ein Gewächs der Verwaltung noch Veteranin des jahrzehntelangen Ringens um die Ganztagsschule. Die galt, als sie selbst Schulkind war, auf dem Land nordöstlich von Hannover, noch als ziemlich exotisch. Es gab im ganzen Land nur ein paar Dutzend. Heute sind es fast 2000, gut drei Viertel aller Schulen.
Zum Studieren zog die junge Frau nach Hannover. Sie schrieb sich für Sozialpädagogik und Soziale Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule ein. In ihrer Clique, erzählt sie mit einem Schmunzeln, waren Erziehungsberufe angesagt. „Für mich war klar, ich wollte nicht mit kleinen Kindern, sondern mit Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten.“
Ein Anfang in der Kaserne
Sie baute ihr Diplom und fand ihre erste Stelle hinterm Schlagbaum der alten Boelcke-Kaserne am Flughafen Langenhagen: in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt). Bis zu 700 Leute harrten hier aus, bis die Ämter über ihre Anträge entschieden hatten. Gabriele Block beriet und betreute sie. 1999 wurde die ZASt aufgelöst. Andere im Sozialteam wechselten zu Kommunen oder Verbänden, „aber ich wollte im Landesdienst bleiben.“
So kam sie zur Polizei Hannover. Die bot ihr Nachtschichten im Neonlicht der Großstadt-Wachen und Asphalteinsätze unter Blaulichtflirren. Rund um die Uhr eilte sie zu sozialen und psychischen Notsituationen. Salopp, aber treffend skizziert sie ihr Arbeitsgebiet: „Da, wo Polizei hinkommt und handeln muss, aber eigentlich nicht mehr zuständig ist.“
Beruf unter Blaulicht
Die täglichen Krisen hatten viele Farben. Prügelnde Eltern und toxische Paare. Teenager beim Komasaufen. Kinder, die klauen. Macker mit Messern. Junge Leute auf der schiefen Bahn. Missbrauchte, verwirrte und gequälte Seelen. Ausreißer und Ausgesetzte, Ausgeflippte und Ausgeraubte. Die Soforthelferin Block war zur Stelle und besorgte Schutz und Betreuung – ob bei Jugend- oder Drogenhilfe, Streetwork oder Schule.
Sie drückte die Klingel, wenn an der Wohnungstür eine Todesnachricht zu überbringen war. Sie betreute Beamte, die selbst Gewaltopfer wurden oder ihre Waffe ziehen und abdrücken mussten. Sie rückte mit der Bepo zu Großlagen aus, wenn Protestmärsche zu eskalieren drohten oder um Hooligans im Stadion in Schach zu halten.
Ihre Zeit im Präventionsprogramm Polizei-Sozialarbeit (PPS) war prägend und wertvoll. „Nicht um damit anzugeben, dass es hart und tough war, sondern weil es von A bis Z die ganze Bandbreite Sozialer Arbeit umfasst hat.“ Was sie dabei lernte? „In schwierigen Situationen cool zu bleiben. Den Kopf verlieren, das kann man hinterher machen.“
Die eigentümliche Polizeiwelt muss für sie anfangs fremd gewesen sein. „Ja, stimmt“, gibt sie zu. Aber die Arbeit sei ein Augenöffner gewesen. „Polizistinnen und Polizisten sind Menschen, die ganz anders sind, als die Öffentlichkeit sie wahrnimmt.“
Steile Lernkurve
2005 machte der Rotstift dem PPS ein Ende. Privat setzte sie ihr Engagement fort. Noch heute unterstützt sie den Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. mit ihrer Expertise. Beruflich stand Gabriele Block an einer Weggabel. Sie besann sich auf die Pädagogik.
Anderthalb Jahrzehnte verbrachte sie bei Bildungsträgern. Bei der hannoverschen SINA, kurz für Soziale Integration Neue Arbeit, half sie erwerbslosen jungen Frauen beruflich auf die Sprünge. Bei der Stiftung Bildung und Handwerk (SBH), einem privaten Riesen unter den Partnern der Agentur für Arbeit, wuchs sie in den Datenschutz und ins Qualitätsmanagement hinein.„Letzteres war schließlich die Schiene, auf der ich ins Ministerium gekommen bin.“
Als sie im Februar 2022 erstmals im Haus an der Hans-Böckler-Allee einstempelte, hatte der Bund just das Ganztagsförderungsgesetz in Kraft gesetzt. Es wurde eine steile Lernkurve. Doch zum Glück war sie ja nicht allein und konnte von den drei Ganztagskundigen in ihrem Referat sehr viel lernen.
Kaum im Haus, wurde sie gefragt, ob sie das Thema in der Redaktion vertreten wolle? „Qualität entwickeln kannst du auch im Internet“, dachte sie. Das BiP rief auch ihr altes Interesse an Medienarbeit wach. Einst hatte sie im Nebenfach Fachjournalistik studiert.
Wenn die Oma fragt
Ihr Portal umfasst gut 30 Seiten. Gabriele Block gestaltet es nicht als Expertenkanal, sondern laientauglich – etwa mit „Grundlagen“ und dem „Glossar Ganztag“ mit 70 Stichworten von A wie Abholzeiten und Außerunterrichtlichen Angeboten bis V wie Vernetzungsstelle Schulverpflegung, Verzahnung und Voll gebundene Ganztagsschule. „Bausteine“ verlinken – ganz in der Logik des Querschnittsthemas – vielfach in andere BiP-Bereiche. Eine Kontaktseite vereinfacht die Ansprache der Fachleute in MK, RLSB und NLQ.
„Wir müssen die Zielgruppen im Kopf haben“, sagt sie. „Der Schulträger oder Schulleiter weiß vielleicht nicht, welche Anträge er stellen muss. Eine Lehrkraft will wissen: Was passiert bei der Umwandlung? Entsteht in der Nähe eine Ganztagsschule, an der ich unterrichten könnte? Die Erziehungsberechtigte oder die Oma fragt nach unbekannten Begriffen wie voll gebunden oder teilgebunden.“ Erklären sei wichtig. „Wer auf unsere Seiten geht, ist nicht völlig unbedarft, sucht aber verständliche Informationen.“
Sie mag es kompakt. „Ich lese ungern lange Texte im Internet“, sagt sie ehrlich. Übersichtlichkeit ist ihr Credo. „Viele Überschriften und Zwischentitel, Trennlinien, Schlagwörter, lieber vier kurze Seiten statt eine lange.“ Auch die Navigation soll simpel sein. „Es ärgert mich, wenn ich 25-mal klicken muss, um etwas über Mittagessen in der Schule zu finden.“
Gabriele Block weiß, wie Bilder wirken. Sie investiert Zeit in die Suche auf Fotoplattformen wie Pexels, Pixabay oder Pixelio. „Ich nehme nicht das erstbeste Motiv“, dafür legt sie auf visuelle Kommunikation im Web zu viel Wert. Sie sortiert aus, was ihr allzu inszeniert oder zu stark bearbeitet vorkommt. Was hält sie von KI-Bildgeneratoren? „Gar nichts.“
Für sie zählt das Echte. Sie ist noch ein Fan analoger Fotografie. „Mein Vater hatte eine große Fotoausrüstung, das hat mich angesteckt.“ In der Dunkelkammer lernte sie Dosen zu schütteln und bei Rotlicht mit der Zange Spezialpapier durch Chemikalien zu ziehen. Auch wenn sie längst mit Speicherkarte statt Rollfilm unterwegs ist, besonders gern auf der Jagd nach Landschaftsmotiven: Geblieben ist ihre Liebe zu Schwarz-Weiß. Das, findet sie, reduziert Bildaussagen auf den Kern, ist klar, authentisch und ausdrucksstark.
Was, wenn sie einen Wunsch ans Bildungsportal frei hätte? „Nehmen wir nur noch Schwarz-Weiß-Fotos.“ Sie lacht. „Ich glaub’, damit komme ich nicht durch.“
Foto: Marco Althaus, NLQ